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Die Geschichte vom kleinen Tiger

Es war einmal ein kleiner Tiger. Dieser Tiger wurde in einem Zoo in einer Großstadt geboren.

Seine Ohren gewöhnten sich schon früh an hupende Autos und laute Kinderstimmen. Er wuchs gemeinsam mit seiner Familie in einem Käfig auf.

Als kleiner Tiger hat er die Gitterstäbe seines Käfigs noch neugierig untersucht. Etwas in ihm wollte wissen, ob es da irgendwo weiter geht.

„Vielleicht komme ich da durch, wenn ich mich anstrenge.“, dachte der kleine Tiger.

Doch seine Mutter lachte nur und sagte: „Da geht es nicht weiter! Ich habe alles versucht und habe keinen Weg gefunden. Auch andere Tiger vor dir haben versucht einen Weg zu finden, doch es gibt keinen.“

Der kleine Tiger dachte: „Wenn meine Mama das sagt, muss es stimmen.“

Als er älter wurde, spürte er manchmal eine tiefe Wut in seinem Inneren. Aus dem kleinen Tiger war nämlich mittlerweile ein jugendlicher Tiger geworden und seine Beine sehnten sich nach der unendlichen Weite.

Der kleine Tiger ging manchmal tagelang an den Gitterstäben des Käfigs hin und her. Er begann von der Weite zu träumen. Er spürte den Ruf der unendlichen Steppe.

Ich möchte rennen. Doch ich weiß gar nicht was das ist.

Ich möchte eine Oase finden, doch ich weiß nicht was das ist.

Ich möchte frei sein, doch ich weiß nicht was das ist.

So begann das Herz des kleinen Tigers zu rufen. Nach Freiheit, nach Wahrheit, danach ein Tiger zu sein.

Eines Tages geschah ein Wunder. Der kleine Tiger wurde in eine Kiste gepackt und auf einen großen LKW geladen. Er lief unruhig in seinem Käfig auf und ab und fragte sich: „Was geschieht mit mir? Wohin werde ich gebracht?“

Doch eine leise Stimme in seinem Inneren beruhigte ihn: „Habe Vertrauen. Dein Wunsch nach Freiheit möchte sich erfüllen.“

Dem Tiger wurde es ziemlich langweilig in seinem kleinen Käfig. Tagelang starrte er auf die Gitterstäbe. Ab und zu bekam er eine riesige Angst. Er sehnte sich zurück in den Zoo, in seine kleine bekannte Welt.

Nach einer unendlich langen Zeit wurde der Käfig des kleinen Tigers wieder auf einen neuen LKW geladen. Er holperte über eine unwegsame Straße.

Nun bekam der Tiger wirklich Angst. „Wohin werde ich gebracht?“

Dann wurde auf einmal alles still.

Als der kleine Tiger seine Augen wieder öffnete, konnte er erst einmal gar nichts wahrnehmen.

Seine Augen suchten die Gitterstäbe.

Doch es waren keine mehr da.

Der kleine Tiger blieb erst einmal verdutzt sitzen. So wie er es im Zoo jahrelang gemacht habe, ging er zunächst einmal an den Gitterstäben auf und ab. Je mehr er hin und herging, umso mehr konnte er sich zurückversetzen an seine Zeit im Zoo. Er konnte die hupenden Autos und die Kinderstimmen hören.

Doch kaum öffnete er seine Augen war die unendliche Weite wieder da und kein Gitterstab war zu sehen.

Der kleine Tiger wusste nicht was er damit anfangen soll. Die Weite machte ihm Angst. Tief in seinem Inneren hörte er seine Mutter sagen: „Da geht es nicht weiter. Es gibt keinen Weg.“

Einige Tage wartete der kleine Tiger. Mittlerweile hatte sein ständiges Hin-und Hergehen eine Linie im harten Boden hinterlassen. Fast so wie zuhause im Zoo.

Der kleine Tiger fühlte sich ziemlich einsam und verlassen.

Kurz vor dem Einschlafen hörte er eine leise Stimme.

„Pssst, kleiner Tiger, hörst du mich?“ Die leise Stimme ließ den kleinen Tiger seine Augen öffnen.“

Der Tiger stellte verwundert fest, dass ein stolzer großer Tiger vor ihm stand.

Der große Tiger schaute ihn freundlich an. Der kleine Tiger wunderte sich: „Wie kann der große Tiger da draußen sein? Da gibt es doch keinen Weg, da geht es doch gar nicht weiter.“

Der große Tiger lachte leise.

„Der Weg zeigt sich erst wenn du ihn gehst“, sagte er.

„Komm doch mal mit bis zu diesem Baum dort drüben.“

Verdutzt schaute der kleine Tiger in die Weite. Tatsächlich, da drüben stand ein Baum den er noch gar nicht gesehen hatte. Während der kleine Tiger staunend seinen ersten richtigen Baum anschaute, öffneten sich seine Augen für die Weite.

Er sah die Hügel in der Ferne.

Er sah die goldrote Sonne die am Horizont in die Tiefe sank.

Er spürte den Wind in seinem Fell.

Auf einmal kribbelte es in den Beinen des kleinen Tigers.

„Komm mit zum Baum“, der große Tiger wiederholte seine Einladung und stolzierte einige Schritte nach vorne.

Langsam, ganz langsam setzte der kleine Tiger seine Pfote in den Sand – jenseits seiner Grenze. Für einen Moment befürchtete er, ins Leere zu fallen. Doch der warme Sand trug seine Pfote. Zögerlich machte er den nächsten Schritt.

„Komm mit“, sagte der große Tiger und begann zu rennen.

„Warte auf mich“, rief der kleine Tiger und stolperte unbeholfen nach vorne. Seine Beine mussten sich erst daran erinnern, dass sie schnell rennen können.

Doch nach einigen Minuten entspannte sich der kleine Tiger und sein Gang wurde geschmeidig. Ein leises Lachen stieg in ihm auf.

„Ich bin frei.“

Der große Tiger drehte sich um und sagte zu ihm: „Wohin wollen wir gehen?“

Der kleine Tiger staunte und schaute in die Ferne. Am Horizont sah er eine grüne Oase. „Da will ich hin“, sagte er zum großen Tiger.

Und gemeinsam bewegten sie sich in die neue große Freiheit.

***

Eine Seelen-Geschichte von Lea Hamann, www.leahamann.de

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© Lea Hamann, 2014 | Bildquelle: New Cub © Megan Lorenz – Fotolia