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Wenn kleine Dinge dich aus der Bahn werfen: Trauma als unsichtbare Behinderung

Überfordert bei kleinen Dingen

Kennst du diese Momente? Ein winziges, unvorhergesehenes Ereignis – und plötzlich fühlt sich deine ganze Welt an, als würde sie auseinanderfallen. Vielleicht ist es nur eine kleine Änderung im Tagesablauf, ein unerwarteter Anruf oder eine simple Umstellung in deiner Morgenroutine. Und doch reagiert dein Körper, als stündest du vor einer lebensbedrohlichen Situation. Stunden, manchmal sogar Tage brauchst du, um dich wieder einzufangen. Du schaust auf dich selbst und fragst dich verwirrt: Warum kann ich mit solchen Kleinigkeiten nicht umgehen? Was ist nur mit mir los?

Diese Frage ist nicht nur berechtigt – sie ist der Anfang einer tiefen Reise zu dir selbst. Denn was sich wie persönliches Versagen anfühlt, ist in Wahrheit die Sprache deines Nervensystems. Es ist die Art, wie dein Körper dir mitteilt, dass da etwas in dir ist, das noch nicht geheilt werden konnte. Trauma ist keine Charakterschwäche, sondern eine körperliche Realität, die dein gesamtes Erleben prägt.

Heute möchte ich mit dir in die Tiefe dieser Erfahrung eintauchen. Ich möchte dir von meinen eigenen Momenten erzählen, in denen mich scheinbar Belangloses völlig aus dem Konzept gebracht hat. Und ich möchte dir zeigen, warum es so wichtig ist, Trauma nicht als moralisches Versagen zu betrachten, sondern als das, was es wirklich ist: eine unsichtbare Behinderung, die Heilung verdient und Heilung finden kann.

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Die Misosuppe, die meine Welt erschütterte

Lass mich dir von heute Morgen erzählen. Es begann mit einer einfachen Entscheidung: Nach Jahren des grünen Smoothies am Morgen hatte mein Körper mir immer deutlicher signalisiert, dass er etwas anderes braucht. Zu kalt, zu viel Zucker – selbst wenn er vom Obst kam. Mein Körper wollte Wärme, er wollte eine Misosuppe mit braunem Reis, mit Gemüse und Algen. Eine nährende, erdende Mahlzeit für den Start in den Tag.

Die Umstellung selbst war nicht das Problem. Das Problem war die Tatsache, dass plötzlich meine gesamte Morgenroutine durcheinandergeriet. Ich habe viele Aufgaben am Morgen – Tiere müssen versorgt werden, fermentierte Lebensmittel brauchen Pflege, Sprossen wollen gewässert werden, manchmal muss Brot gebacken werden. Normalerweise habe ich meinen Rhythmus, meine Abläufe. Alles geschieht in einer bestimmten Reihenfolge, in Ruhe und mit Bedacht.

Doch heute Morgen war nichts vorbereitet. Ich wusste nicht, was als Nächstes kam. Die Abläufe waren noch ungeschickt, nichts funktionierte reibungslos. Und dann geschah etwas Erstaunliches und zugleich Erschreckendes: Ich brach zusammen. Nicht metaphorisch – sondern tatsächlich, körperlich, emotional.

Erwachsen und doch komplett hilflos

In mir existieren zwei Versionen von mir: Da ist die erwachsene, regulierte Seite, die weiß: „Hey, in ein paar Tagen hat sich das eingespielt. Du wirst wissen, wie alles funktioniert. Kein Grund zur Panik.“ Diese Seite möchte gelassen bleiben, mit Humor reagieren, voller Vertrauen sein. Und dann gibt es die anderen Anteile – die ungeheilten, traumatisierten Abgründe in mir. Jüngere Versionen von mir, die das Gefühl haben, der Boden wird ihnen unter den Füßen weggezogen. Die in völlige Panik geraten und gleichzeitig wie gelähmt sind.

Das ist der klassische „Double Bind“, den Menschen mit Trauma so gut kennen: Das Nervensystem will gleichzeitig kämpfen und erstarren. Das sympathische Nervensystem drückt aufs Gaspedal – schnell, schnell, schnell, alles in den Griff bekommen! Gleichzeitig tritt das parasympathische Nervensystem auf die Bremse – Erstarrung, Lähmung, totaler Stillstand. Du bist in einer körperlichen Grätsche gefangen, die dich zerreißt.

Ich saß also am Tisch und weinte. Mein Bauch war zugeschnürt, ich konnte kaum atmen, an Essen war nicht zu denken. Und ein Teil von mir stand daneben und beobachtete ungläubig: So eine kleine Sache im Außen – und so eine gewaltige Reaktion im Inneren. Als wäre die Welt untergegangen, nur weil die Morgenroutine durcheinander war.

Leben mit einer unsichtbaren Behinderung

An jenem Morgen, als ich am Tisch saß und weinte, kam zuerst die Scham. Diese vertraute, schmerzhafte Stimme: „Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wie gestört kann man sein? Wie behindert bin ich?“ Solche Worte sind grausam, und doch kommen sie so automatisch.

Aber dann, wenn ich es bemerke, kann ich damit aufhören. Und dann kommt etwas anderes: eine Art Demut. Eine tiefe Erkenntnis: Ich lebe in einem behinderten Körper. Nicht als Schimpfwort, sondern als Tatsache.

Jemand, der im Rollstuhl sitzt, hat eine körperliche Behinderung, eine Einschränkung. Die Seele dieser Person ist nicht begrenzt, ihre kreative Kraft ist nicht begrenzt. Aber der Körper hat Grenzen – er kann nicht laufen, bestimmte Dinge nicht tun. Und genauso habe ich eine Art Einschränkung, eine Art Behinderung.

Es ist eine Behinderung, die im Laufe der Jahre langsam heilen kann. Teile davon sind bei mir schon geheilt. Es gibt Bereiche in mir, die reguliert sind, die erwachsen sind, die liebevoll eingebettet und im Fluss sind. Aber es gibt auch noch diese Grenzbereiche, diese tieferen Abgründe, diese Wunden, die noch nicht geheilt sind. Es ist tatsächlich ein Abenteuer, mit Trauma zu leben – mit einer unsichtbaren Behinderung.

Was ich aus dieser Situation gelernt habe und meine Tipps für alle diejenigen von uns, die Trauma im Gepäck haben, teile ich in meinem neusten Morgenlicht-Podcast mit euch.

Der Beginn einer Heilungsrevolution

Ich glaube, wir stehen am Beginn einer Heilungsrevolution. Einer Revolution, in der tiefere Heilung geschehen will. Bis ins Erdgeschoss, bis in den Keller runter, bis ins Grundgemäuer unseres Menschseins. Bis ganz runter in die tiefste Tiefe will Heilung geschehen.

Das ist im Grunde etwas super Schönes. Es ist auch super anstrengend, natürlich, hin und wieder. Aber es ist möglich. Und es ist notwendig.

Wenn du dich jetzt angesprochen fühlst, wenn du merkst: „Ja, ich habe diese Traumamuster. Ich glaube, da könnte auch bei mir etwas im Gepäck sein. Ich will mich nicht mehr so fertig machen. Ich will nicht mehr gegen mich kämpfen. Ich möchte lernen, mir heilsame Räume zu schaffen und in meinem Alltag diese Heilung leben zu können“ – dann ist das der erste Schritt.

Jetzt in dieser Zeit ist im Außen viel Chaos. Wie schön ist es, wenn wir zumindest in unserem kleinen Bereich, den wir gestalten können, diese Oase entwickeln. Eine Oase von Geborgenheit, von Frieden, von Ruhe, von tiefer Liebe, die wir wieder annehmen. Wo wir heilen können, wo wir wachsen können, wo wir werden können. Wo wir auch im wirbeligen Alltag immer wieder aufgefangen werden.

Das ist das, was ich aus meinem Heilungsweg mitgenommen habe. Das ist wichtig für mich persönlich. Und das möchte ich weitergeben.

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Kennst du diese Freakout-Momente auch? Mit Suppe morgens oder ohne? Wie geht’s dir mit solchen Momenten? Kennst du diese Selbstverurteilung, dieses falsche Rückschlüsse ziehen? Wie nervend ist es manchmal, wenn man mit Trauma durch die Gegend eiert, weil es oft nicht verstanden wird – weder von uns selbst noch von anderen?

Du bist nicht allein. Du bist nicht falsch. Du bist nicht kaputt. Du trägst eine unsichtbare Behinderung, die Heilung verdient. Und diese Heilung ist möglich.

Alles Liebe auf deinem Weg.

P.S. Wenn du tiefer in deine Heilung eintauchen möchtest, schau dir die Oase an – meine Online-Community für körperorientierte Traumheilung: Info & Anmeldung hier

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Viel Freude beim Hören –
Liebe Grüße,